Shared Reading zur Vorbeugung psychischer Krankheiten

Die moderne Gesellschaft ist gekennzeichnet durch Individualisierung und wachsende Einsamkeit. Die sich verändernde, immer weiter die Grenzen zwischen „Arbeit“ und „Freizeit“ auflösende Berufswelt, die Veränderungen der Familienstrukturen, eine steigende Scheidungsrate, die demographische Entwicklung, die zunehmende Unwirtlichkeit der Städte – all dies verstärkt die Gefahr der sozialen Isolation. 
Isolation macht anfällig für psychische Probleme. Es fehlt an Strukturen, die es ermöglichen, tiefgehende Gespräche zu führen, und dabei persönliche Erfahrungen mit Überforderung, Trauer, Angst und Einsamkeit zur artikulieren. Indem diese Probleme zum Ausdruck gebracht werden, können sie als das verstanden werden, was sie sind: natürliche Bestandteile des menschlichen Lebens, Erfahrungen, die zur menschlichen Existenz gehören. Wo die Möglichkeit dieses Zur-Sprache-Bringens fehlt, vermindert sich das Wohlbefinden und wachsen die sozialmedizinischen Probleme und auch die damit verbundenen Behandlungskosten. So weist die Studie Gesundheit in Deutschland des Robert Koch-Instituts für Deutschland (wie auch in Europa) eine deutliche Zunahme psychischer Krankheiten nach. Zu den gesundheitlichen Schutzfaktoren gegen solche Krankheiten gehört insbesondere die emotionale Belastbarkeit. Ist diese bei einem Menschen begrenzt ist, steigt das Risiko von Herz- und Gefäßkrankheiten.

Ein weiterer Ausdruck der Zunahme psychischer Krankheiten ist der seit Jahren zu verzeichnende Zuwachs der Fehltage aufgrund von Burn-out, Stress und totaler Erschöpfung im Beruf. Dieser Zuwachs hat dazu geführt hat, dass viele Firmen erkannt haben, dass sie der betriebliche Gesundheitsfürsorge eine besondere Bedeutung beimessen und das Arbeitsumfeld so gestalten müssen, dass es für den Erhalt der Gesundheit förderlich ist.

Eine Perspektive haben

Von ihren Ursprüngen her ist die Literatur ein Gemeinschaft stiftendes, gleichermaßen emotionales wie intellektuelles Erlebnis. An diese Potentiale der Literatur schließt Shared Reading an. Das gemeinsame Lesen vollzieht sich in einer Atmosphäre der ungezwungenen Langsamkeit und konkurrenzlosen Gelassenheit.
In diesem geschützten, gelassenen Räume entwickelt sich die Achtsamkeit der Zuhörenden für alle Details der Geschichten und Gedichte: ihre Spannung, ihre aufwühlenden Ereignisse, die Darstellung von Unbekanntem, die Formulierung von Ungedachtem. 

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Im emotionalen wie intellektuellen Erleben von Geschichten und Gedichten kann das eigene Leben, das eigene Verhalten, die eigenen Gefühle mit dem Erzählten in Verbindung gesetzt werden. Zugleich findet eine Verbindung mit den anderen Teilnehmenden statt: Die vorgelesene Geschichte wird als von allen als geteilte Erfahrung wahrgenommen, zu der keine Eigeninitiative notwendig ist: wer zuhört, gehört bereits dazu. 

Die Verbindung unter den Teilnehmenden wird durch den Austausch über das Gehörte vertieft. Das Gespräch über die literarischen Texte, die gemeinsame Versuch des Verstehens und Deutens. Der gemeinsam vollzogene Prozess des Erlebens, Denkens und Sprechens gibt das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein: zu ihr beizutragen, zu ihr zu gehören, in ihr – im wörtlichen Sinne – eine Perspektive zu haben. 

Auswirkung auf das Wohlbefinden

Bei Umfragen des National Health Service unter Teilnehmern von Shared Reading-Gruppen in ngland konnten folgende positive Wirkungen auf das Wohlbefinden festgestellt werden:

74 % der Teilnehmer von Shared Reading-Gruppen sagten aus, dass sich ihre Lebenszufriedenheit verbessert hat

81 % sagten aus, dass ihre Fähigkeit zu entspannen gestiegen sei

72 % gaben an, dass Shared Reading ihnen geholfen habe, neue Einstellungen zu entwickeln

70 % gaben an, dass ihre Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, sich verbessert habe

Diese wissenschaftlich belegten und evaluierten Ergebnisse zeigen, dass Shared Reading positive Einflüsse hat auf das Wohlbefindens (Well-Being), die Affektbalance, die Lebenszufriedenheit, die emotionale Belastbarkeit und somit eine wirksamer Beitrag zur Vorsorge vor psychischen Erkrankungen sind.

 

Weitere Anwendungen und Erfolge des Shared Reading

Im Auftrag des National Health Service hat The Reader Organisation Shared Reading erfolgreich als Intervention in verschiedene Bereiche der Pflege und der Behandlung von Krankheiten eingeführt. Begleitende Studien des Centre for Research into reading, Literature and Society (Link: https://www.liverpool.ac.uk/psychology-health-and-society/research/reading-literature-and-society/about/), einem interdisziplinären Institut der Universiät Liverpool, haben folgende positive Wirkungen des Shared Reading belegen können:

In der Altenpflege

  • Verbesserter Gemütszustand, generelle Stimmungsaufhellung    
  • Verbesserte Konzentrationsfähigkeit
  • Verbesserte Erinnerungsfähigkeit
  • Höheres Maß an sozialer Interaktion


In der Behandlung von Depression

  • Verbesserung der Lebensqualität durch Steigerung des Selbstbewusstseins
  • Gesteigerte Fähigkeit zur Kommunikation über die Krankheit
  • Gesteigerte soziale Fertigkeiten
  • Generelle Stimmungsaufhellung durch Abbau negativer Denkmuster
  • Veränderte Selbstwahrnehmung durch Bewusstmachung innerer Konflikte
 

Schmerztherapie

  • Gesteigerte Fähigkeit der Bewältigung von Schmerzen durch
  • die vertiefte Konzentration auf die Literatur
  • das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Bekanntschaft mit anderen Betroffenen
  • das Gefühl einer gesteigerten Lebensqualität
 

Demenz-Behandlung

  • Verbesserung des Langzeit- wie des Kurzzeitgedächtnisses
  • Stimulation spontaner, relevanter Reaktionen  
  • Entlastung des Pflegepersonals durch die Shared Reading-Gruppen  
 

Einer Erkenntnis, die in der Studie über Shared Reading in der Demenz-Therapie zutage getreten ist, gebührt besondere Aufmerksamkeit: Dadurch, dass es sich um eine „Intervention von Außen“ handelt, durchgeführt von Menschen, die aus einem nicht-medizinischen, nicht-pflegerischen Kontext stammen, konnten neue Perspektiven bei der Behandlung gewonnen werden – sowohl in Bezug auf das Bild der Krankheit, wie auch in Bezug auf die (Selbst-)Wahrnehmung der Kranken. 

So hat Shared Reading nicht nur unmittelbare therapeutische Effekte. Es erweitert auch die Möglichkeiten, Krankheiten wahrzunehmen: über sie zu sprechen, sie wahrzunehmen und so das Leiden zu lindern. Oder, um es mit der Überschrift des SPIEGEL-Artikels (11/2016) über Shared Reading zu sagen: „Poesie heilt“.